Übungspraxis

Grundprinzipien: In der Übungspraxis und im Alltag

Song (松) – Die elastische Mitte

Stell dir einen nassen Waschlappen vor, der von einem Haken hängt. Schwer, durchlässig, ohne eigene Anspannung – und doch nicht kollabiert. Das Gewebe gibt nach, behält aber seine Struktur. Song meint genau das: minimale Muskelspannung bei maximaler Präsenz.

Die meisten Menschen pendeln zwischen zwei Polen – entweder angespannt wie ein Brett oder schlaff wie ein leerer Sack. Song besetzt die Mitte: wach, aber gelöst; strukturiert, aber durchlässig. Der Körper trägt sich selbst, ohne Kraft zu verschwenden.

Am Schreibtisch: Du sitzt seit Stunden, die Schultern wandern zu den Ohren, der Nacken versteift. Song heißt: Schultern fallen lassen, ohne einzusacken. Das Skelett trägt, die Muskeln begleiten. Die Aufrichtung kommt aus der Struktur, aus der Spannung.

Beim Kochen: Das Messer führen, ohne den Griff zu würgen. Die Hand hält, mehr braucht es nicht. Wer zu fest zupackt, ermüdet schnell und schneidet ungenau. Song im Handgelenk – locker, präzise, ausdauernd.

Im Gespräch: Jemand greift dich an, verbal, unerwartet. Die übliche Reaktion: Anspannung, Verteidigung, Gegenangriff. Song erlaubt eine andere Antwort – den Impuls aufnehmen, durchlassen, umleiten. Weich bleiben, ohne nachzugeben.

Verwurzelung – Die Erde als Partner

Ein Baum, der im Sturm nicht bricht, hat tiefe Wurzeln. Die Kraft kommt aus dem Boden, steigt durch den Stamm, verteilt sich in die Äste. Taijiquan denkt Bewegung von unten nach oben: Die Füße verwurzeln, die Beine generieren, die Taille lenkt, die Arme drücken aus.

Verwurzelung bedeutet Dialog mit der Schwerkraft. Du drückst in die Erde, die Erde drückt zurück – diese Bodenreaktionskraft nutzt du, statt gegen sie zu arbeiten. Je tiefer du sinkst, desto stabiler stehst du, desto mehr Kraft steht zur Verfügung.

Beim Tragen: Ein schwerer Karton. Die meisten heben aus dem Rücken, aus den Armen – und wundern sich über Schmerzen. Verwurzelung heißt: tiefer gehen, die Last in die Beine bringen, den Boden als Hebelpunkt nutzen. Die Kraft kommt von unten, der Rücken bleibt neutral.

Beim Wandern: Bergab ist gefährlicher als bergauf, weil die Verwurzelung fehlt. Das Gewicht kippt nach vorne, die Knie fangen ab, die Muskeln kämpfen gegen die Schwerkraft. Alternative: Mit jedem Schritt in den Boden sinken, den Fuß platzieren wie eine Wurzel, die sich festsaugt. Langsamer, sicherer, kräfteschonender.

In der U-Bahn: Der Wagen ruckelt, du stehst ohne Halt. Wer steif steht, schwankt. Wer verwurzelt, absorbiert – die Knie federn, das Becken stabilisiert, der Oberkörper bleibt ruhig. Surferhaltung im öffentlichen Nahverkehr.

Ganzkörperbewegung – Nichts bewegt sich allein

Wirf einen Stein. Woher kommt die Kraft? Der Arm schleudert, aber die Energie startet im hinteren Bein, wandert durch die Hüfte, rotiert den Rumpf, überträgt sich auf die Schulter, den Ellenbogen, das Handgelenk, die Finger. Eine Kettenreaktion, die im Projektil kulminiert.

Taijiquan trainiert dieses Bewusstsein: Wenn ein Teil sich bewegt, bewegt sich alles. Der Körper funktioniert als Netzwerk, in dem Impulse fließen, sich verstärken, transformieren. Isolierte Bewegungen verschenken Potential; integrierte Bewegungen multiplizieren es.

Beim Putzen: Fenster wischen, der klassische Fall. Die meisten arbeiten aus Schulter und Ellenbogen, ermüden schnell, verpassen Ecken. Ganzkörperbewegung: Der Impuls kommt aus der Hüftrotation, der Arm folgt, das Tuch gleitet ohne Druck. Weniger Anstrengung, besseres Ergebnis, keine Tennisellenbogen.

Beim Tippen: Zehn Finger auf der Tastatur, scheinbar isolierte Mikroaktionen. Tatsächlich: Jeder Anschlag resoniert durch Handgelenk, Unterarm, Schulter. Wer verkrampft tippt, spürt es abends im Nacken. Die Alternative: Finger schweben, Hände ruhen, Arme entspannen – die Bewegung minimalisiert sich, bis fast nichts mehr sichtbar ist, das System trotzdem funktioniert.

Beim Aufstehen: Vom Stuhl hochkommen, tausendmal am Tag. Die typische Version: Oberkörper nach vorne werfen, Momentum nutzen, irgendwie hochkommen. Die integrierte Version: Füße unter den Körper, Gewicht nach vorne verlagern, aus den Beinen drücken, Wirbelsäule stapelt sich Wirbel für Wirbel auf. Geschmeidig, mühelos, elegant – auch mit achtzig noch.

Kontinuität – Der Fluss ohne Lücken

Wasser, das einen Berg hinabfließt, stoppt nie. Es umrundet Hindernisse, sammelt sich in Becken, sucht neue Wege, mündet schließlich im Tal. Keine Unterbrechung, keine Pause, keine Entscheidung – reines Fließen entlang des geringsten Widerstands.

Taijiquan-Bewegung imitiert diesen Fluss. Eine Figur geht in die nächste über, das Ende jeder Geste trägt den Anfang der folgenden. Keine Stockungen, keine Brüche, keine Momente des Wartens. Der Körper bewegt sich, solange er sich bewegt.

Beim Flanieren: Die Stadt als Parcours. Ampeln, Menschengruppen, Baustellen – ständige Hindernisse, die zum Stoppen zwingen. Die Alternative: Tempo anpassen, Lücken finden, Trajektorien lesen. Nie ganz anhalten, immer in Bewegung bleiben, den Rhythmus der Straße aufnehmen. Urbanes Taijiquan.

In der Küche: Ein Menü vorbereiten, mehrere Gerichte gleichzeitig. Die hektische Version: springen zwischen Töpfen, vergessen was wo steht, Stress. Die fließende Version: ein Arbeitsgang geht in den nächsten, während das Gemüse gart wird das Fleisch mariniert, während das Fleisch brät wird der Salat angemacht. Choreografie statt Chaos.

Im Gespräch: Zuhören, antworten, nachfragen – der Dialog als Bewegungsfluss. Wer nur auf Stichwörter wartet, um den eigenen Monolog loszuwerden, unterbricht den Strom. Wer wirklich folgt, aufnimmt, weiterführt, hält das Gespräch am Leben. Die Kunst des Übergangs, auch verbal.

Yin und Yang – Der Puls der Gegensätze

Tag und Nacht, Einatmen und Ausatmen, Anspannen und Loslassen – das Leben pulsiert in Polaritäten. Yin und Yang meinen keine statischen Gegensätze, eher einen Rhythmus, ein permanentes Oszillieren zwischen Qualitäten, die einander bedingen.

Im Taijiquan manifestiert sich das als Voll und Leer. Ein Bein trägt (voll), das andere entlastet (leer). Das Gewicht verlagert sich, die Verhältnisse wechseln, was voll war wird leer, was leer war wird voll. Kein Zustand hält, alles transformiert.

Beim Arbeiten: Phasen der Konzentration (Yang) wechseln mit Phasen der Diffusion (Yin). Wer permanent fokussiert, brennt aus; wer permanent driftet, produziert nichts. Der Rhythmus macht’s: intensive Blöcke, dann Pause, dann wieder Intensität. Die Pomodoro-Technik als Taijiquan des Schreibtischs.

Beim Gehen: Jeder Schritt ein Yin-Yang-Wechsel. Das Standbein trägt (voll), das Spielbein schwingt (leer). Beim Aufsetzen invertieren die Verhältnisse. Wer das bewusst erlebt – diese minimale Gewichtsverlagerung, diesen Wechsel von Stabilität zu Bewegung zu Stabilität –, geht anders. Aufmerksamer, präsenter, rhythmischer.

Im Konflikt: Manchmal muss man standhaft bleiben (Yang), manchmal nachgeben (Yin). Die Kunst liegt im Timing, im Gespür für den richtigen Moment. Zu früh nachgeben ist Schwäche, zu spät ist Sturheit. Der Wechsel selbst ist die Kompetenz.

Zentrallinie – Die unsichtbare Achse

Stell dir eine Lotlinie vor, die vom Scheitel durch den Körper bis zwischen die Füße fällt. Diese Achse organisiert alles – Bewegung rotiert um sie, Gewicht verteilt sich entlang ihr, Stabilität emergiert aus ihr. Die Zentrallinie ist unsichtbar, aber strukturgebend.

Wer die Mitte verliert, verliert alles. Der Körper kippt, die Balance geht, Kompensationen setzen ein. Wer die Mitte hält, bleibt flexibel – Arme und Beine können überall sein, solange die Achse steht.

Beim Bücken: Etwas vom Boden aufheben. Die typische Version: Rundkrücken, Kopf nach unten, Zentrallinie kollabiert. Die alternative Version: Hüfte nach hinten, Knie beugen, Rücken bleibt gerade – die Achse kippt als Ganzes nach vorne, statt in sich zusammenzufallen. Bandscheiben danken.

Auf dem Fahrrad: Balance auf zwei Rädern basiert auf permanenter Mikrokorrektur der Zentrallinie. Lenkerausschlag nach links, Gewichtsverlagerung nach rechts, die Achse bleibt senkrecht während das Rad kurvt. Wer das bewusst spürt, fährt entspannter durch den Verkehr.

Bei Präsentationen: Vor Menschen stehen, etwas vortragen. Die Nervosität drückt sich körperlich aus – Schultern hochgezogen, Gewicht auf einem Bein, Kopf vorgeschoben. Die Zentrallinie hilft: beide Füße am Boden, Gewicht gleichmäßig verteilt, Wirbelsäule aufgestapelt. Von dieser Basis aus lässt sich alles sagen.

Die Prinzipien als Lebensform

Diese Grundsätze sind keine Techniken, die man anwendet, eher Qualitäten, die man kultiviert. Sie verändern nach und nach, wie der Körper sich organisiert – auf der Übungsfläche zuerst, dann überall sonst. Irgendwann verschwindet die Grenze zwischen Üben und Leben.

Der Übungsraum ist Laboratorium. Hier testest du, was funktioniert, spürst den Unterschied zwischen Anspannung und Song, zwischen Isolierung und Integration, zwischen Stocken und Fließen. Die Erkenntnisse wandern mit dir hinaus, in den Alltag, in die Arbeit, in die Beziehungen.

Taijiquan lehrt doppelt: als Bewegungssystem und als Existenzweise. Der Körper wird zum Experimentierfeld für Prinzipien, die sich dann ins Leben übertragen. Jede Bewegung eine Miniatur-Existenz – geboren aus Stille, entfaltet in Form, zerfallend ins Formlose. Wer das einmal verkörpert hat, trägt es hinaus: ins Gespräch, ins Projekt, in die Krise.

Die Prinzipien verschwinden irgendwann als explizites Wissen. Sie werden Haltung, Gewohnheit, zweite Natur. Du denkst nicht mehr: „Jetzt Song.“ Du bist Song. Du denkst nicht mehr: „Jetzt Zentrallinie.“ Die Linie steht. Das ist der Moment, wo Taijiquan aufhört, etwas zu sein, das du tust – und anfängt, etwas zu sein, das du bist.