
Warum überhaupt eine Form?
Die Form ist eine Erfindung – und zwar eine relativ späte. Bevor Yang Chengfu in den 1920er Jahren begann, Taijiquan öffentlich zu unterrichten, existierte keine standardisierte Bewegungsabfolge für den Massenunterricht. Die Chen-Familie lehrte Kampftechniken, keine Choreografien. Was wir heute als „traditionelle Form“ kennen, entstand aus einem pragmatischen Problem: Wie unterrichtet man viele Schüler gleichzeitig?
Yang Chengfu löste das Problem durch den „großen Rahmen“ (大架, dà jià) – weite, gut sichtbare Bewegungen, gleichmäßiges Tempo, keine explosiven Entladungen. Die kompakten Techniken seines älteren Bruders Yang Shaohou, der „kleine Rahmen“ mit seinen schnellen Richtungswechseln und verborgenen Anwendungen, eigneten sich für Einzelunterricht mit fortgeschrittenen Schülern. Der große Rahmen dagegen funktionierte in Reihen: Dutzende Menschen, die synchron dieselbe Sequenz durchlaufen, während der Lehrer korrigierend durch die Reihen geht.
Die Form als Gedächtnisstütze
Eine Sequenz von 85 oder 108 Bewegungen zu memorieren erscheint zunächst als Hindernis. Tatsächlich funktioniert die Form als mnemonisches System – jede Figur führt zur nächsten, die Abfolge trägt sich selbst. Hat der Körper die Sequenz einmal gelernt, muss der Geist nicht mehr erinnern. Die Choreografie entlastet das Bewusstsein und schafft Raum für das, worauf es ankommt: die Qualität der Bewegung selbst.
Das unterscheidet Taijiquan von freiem Bewegen. Ohne vorgegebene Struktur muss der Übende permanent entscheiden – was kommt als nächstes? Die Form eliminiert diese Entscheidungslast. Sie gibt einen Container vor, innerhalb dessen sich Aufmerksamkeit auf Feinheiten richten kann: Gewichtsverlagerung, Atemrhythmus, fasziale Spannung.
Die Standardisierung von 1956
Der entscheidende Bruch kam 1956. Die chinesische Sportkommission beauftragte eine Gruppe von Meistern unter Leitung von Li Tianji, eine vereinfachte Form zu entwickeln. Das Ziel: Taijiquan als Volksgesundheitsübung zu verbreiten. Die traditionellen Formen galten als zu lang, zu komplex, zu zeitaufwendig für Arbeiter und Angestellte im neuen China.
Das Ergebnis war die 24er-Form – eine sechsminütige Sequenz, die sich in wenigen Wochen erlernen ließ. Die Bewegungen verlaufen in geraden Linien, ideal für Gruppenübungen in Reihen. Die physischen Anforderungen wurden reduziert, die kampfbezogenen Elemente weitgehend eliminiert. Was blieb: ein fließendes Bewegungssystem, das Koordination, Balance und Atemführung trainiert.
Die 24er-Form wurde zur weltweit meistpraktizierten Taijiquan-Sequenz. Millionen Menschen üben sie täglich in Parks, Turnhallen, Rehabilitationszentren. Li Tianji selbst, der „Vater des modernen Taijiquan“, betrachtete diese Entwicklung später mit Ambivalenz – die Form hatte sich verselbstständigt, war zur ästhetischen Performance geworden, hatte den Kontakt zu den inneren Prinzipien verloren.
Was die Choreografie ermöglicht
Die festgelegte Abfolge schafft Vergleichbarkeit. Wenn tausend Menschen dieselbe Form üben, wird sichtbar, was Differenz ausmacht: Hier stockt der Fluss, dort bricht die Verwurzelung, da verkrampft die Schulter. Die Choreografie fungiert als Schablone, vor deren Hintergrund sich individuelle Abweichungen zeigen.
Für den Unterricht bedeutet das: Der Lehrer muss weniger erklären. Die Form selbst instruiert. Der Schüler folgt der Sequenz, stößt auf Schwierigkeiten, fragt nach. Die Korrektur geschieht punktuell, situativ, am konkreten Problem. Diese Ökonomie ermöglicht Gruppenunterricht, ohne dass Qualität verloren geht – vorausgesetzt, der Lehrer erkennt die typischen Stolperstellen.
Die Grenzen der Form
Die Form ist Mittel, kein Zweck. Wer nur die Choreografie lernt, hat nichts gelernt. Die Abfolge der Figuren enthält die Prinzipien, aber sie zeigt sie nicht. Man kann die 24er-Form technisch korrekt ausführen und dabei vollständig verspannt sein, die Atmung blockiert, den Geist anderswo.
Die traditionellen Lehrer unterschieden zwischen „äußerer Form“ und „innerer Arbeit“. Die Sequenz war Vehikel für etwas, das sich nicht choreografieren ließ: Song, die dynamische Entspannung; Peng, die elastische Grundspannung; Qi, die Zirkulation vitaler Energie. Diese Qualitäten entwickeln sich durch die Form hindurch, aber die Form garantiert sie nicht.
Yang Chengfu soll gesagt haben, seine Schüler bewegten sich wie „leere Hüllen“ – die äußere Gestalt stimmte, die innere Substanz fehlte. Das Problem potenziert sich mit jeder Generation der Weitergabe. Was der Meister verkörperte, kopiert der Schüler; was der Schüler kopiert, imitiert dessen Schüler – und mit jeder Iteration verdünnt sich das Wesentliche.
Form als Ausgangspunkt
Die Form gibt einen Einstieg. Sie strukturiert die Anfängerzeit, bietet Orientierung, schafft messbare Fortschritte. Irgendwann hat man die Sequenz drauf, kann sie auswendig, führt sie fließend aus. Das ist der Moment, wo die eigentliche Arbeit beginnt.
Jetzt geht es darum, die Form zu vergessen – ohne sie zu verlieren. Die Bewegungen sollen spontan werden, aus dem Körper kommen statt aus dem Gedächtnis abgerufen. Die Choreografie sinkt ins Leibliche ab, wird implizites Wissen, Bewegungsgrammatik, die sich selbst aktualisiert.
Dieser Übergang markiert die Schwelle vom Anfänger zum Fortgeschrittenen. Die Form bleibt präsent, aber sie determiniert nicht mehr. Der Übende bewegt sich innerhalb eines vertrauten Territoriums, dessen Grenzen er kennt – und das er irgendwann verlassen kann, wenn die Zeit reif ist.
Historische Ironie
Die Form, die heute als „traditionell“ gilt, war selbst eine Vereinfachung. Yang Chengfu entfernte die schnellen Techniken, die Sprünge, die explosiven Kraftentladungen seiner Vorgänger. Er schuf ein Produkt für den Massenmarkt seiner Zeit – sanft, gleichmäßig, ungefährlich. Die Kämpfer der Chen-Familie hätten diese Bewegungen kaum wiedererkannt.
Die 24er-Form von 1956 vereinfachte die Vereinfachung. Die aktuellen 8er- und 10er-Formen vereinfachen weiter. Mit jeder Reduktion geht etwas verloren – Komplexität, Tiefe, Anwendungsbezug. Mit jeder Reduktion wird etwas gewonnen – Zugänglichkeit, Verbreitung, Adaption an neue Kontexte.
Die Frage, welche Form „authentisch“ sei, verfehlt die Pointe. Alle Formen sind historische Konstrukte, Antworten auf spezifische Bedürfnisse, Kompromisse zwischen Überlieferung und Gegenwart. Die Authentizität liegt in der Qualität der Ausführung – in dem, was die Form transportiert, wenn sie gelebt wird.
Für die Praxis
Lerne eine Form. Welche, ist sekundär – 24er, 37er, 85er, 108er. Die Sequenz gibt dir einen Rahmen, innerhalb dessen du arbeiten kannst. Übe sie täglich, bis sie sitzt, bis du nicht mehr nachdenken musst, bis der Körper die Abfolge kennt.
Dann beginne, in die Tiefe zu gehen. Die Form bleibt dieselbe, aber deine Aufmerksamkeit wandert: heute zur Atmung, morgen zur Gewichtsverlagerung, übermorgen zur Spiralbewegung im Rumpf. Die Choreografie wird zum Laboratorium, in dem du Prinzipien erforschst.
Irgendwann – nach Jahren vielleicht – wirst du die Form nicht mehr brauchen. Sie hat ihre Funktion erfüllt, hat dir beigebracht, was sie beibringen konnte. Was bleibt: ein Körper, der sich bewegen kann, eine Aufmerksamkeit, die geschult ist, ein Repertoire an Bewegungsqualitäten, das sich in jeder Situation aktualisiert.
Die Form ist Gerüst. Sie trägt, solange du baust. Wenn das Gebäude steht, kann sie abgetragen werden. Was bleibt, trägt sich selbst.