Freies Üben

Jenseits der Form: Freies Üben

Der Sprung

Jahre hast du die Form geübt, und etwas hat sich eingeschliffen – Bewegungsmuster, die ohne bewusste Steuerung ablaufen, Prinzipien, die in den Körper gewandert sind. Dann kommt der Moment, wo die Form selbst zum Hindernis wird, zur Choreografie, die den Impuls erstickt. Die Sequenz, die einmal Freiheit ermöglichte, wird zum Käfig.

Freies Üben beginnt dort, wo du die Stützräder abnimmst. Keine vorgegebene Abfolge mehr, kein Anfang, kein Ende, keine Figuren, die aufeinander folgen müssen. Der Körper bewegt sich – und du schaust zu.

Was bleibt

Die Prinzipien bleiben. Song bleibt, die fasziale Grundspannung, die Stabilität durch Weichheit erzeugt. Verwurzelung bleibt, der Dialog mit dem Boden, die Kraftübertragung von unten nach oben. Ganzkörperbewegung bleibt, das Netzwerk, das jeden Impuls durch das gesamte System distribuiert. Kontinuität bleibt, der lückenlose Fluss.

Was verschwindet: die Abfolge, die Figuren, die Namen, die Orientierung im Raum. Du weißt nicht mehr, wo du bist in der Form – weil es keine Form mehr gibt. Nur Bewegung, die sich selbst organisiert.

Die Praxis

Steh. Warte. Lass den ersten Impuls kommen, ohne ihn zu suchen. Vielleicht hebt sich eine Hand, vielleicht dreht der Rumpf, vielleicht sinkt das Gewicht tiefer in ein Bein. Folge dem Impuls, wohin er führt – ohne Plan, ohne Ziel, ohne die Absicht, etwas Bestimmtes zu tun.

Die Bewegung gebiert die nächste Bewegung. Eine Drehung enthält bereits die Gegendrehung, eine Ausdehnung den Keim der Verdichtung. Du reagierst auf das, was gerade geschieht, auf die Schwerkraft, auf die Trägheit der Gliedmaßen, auf die elastische Spannung des Gewebes. Der Körper weiß mehr als du – lass ihn führen.

Stolperfallen

Die erste Falle: Du improvisierst bekannte Figuren in neuer Reihenfolge. Das ist noch kein freies Üben, das ist Rekombination von Gelerntem. Die Bewegungen tragen noch Namen, noch Absichten, noch Anwendungen im Hinterkopf. Lass auch das los.

Die zweite Falle: Du tanzt. Die Bewegung wird ästhetisch, gefällig, nach außen gerichtet. Ein imaginäres Publikum schaut zu, und du performst für es. Freies Üben hat keinen Zuschauer – auch du selbst bist keiner. Es gibt nichts zu sehen, nur etwas zu spüren.

Die dritte Falle: Du suchst nach Qi-Erlebnissen, nach besonderen Zuständen, nach Bestätigung, dass etwas passiert. Diese Suche verhindert genau das, was sie finden will. Erwarte nichts. Bewege dich.

Zeitstrukturen

Freies Üben kennt keine natürliche Dauer. Die Form gibt einen Rahmen vor – Anfang, Mitte, Ende, fünfzehn oder dreißig oder sechzig Minuten. Ohne Form gibt es keine eingebaute Begrenzung. Du kannst drei Minuten üben oder drei Stunden.

Setz dir anfangs einen Timer. Zehn Minuten, zwanzig, was sich richtig anfühlt. Der Timer befreit von der Frage, wann es genug ist – die Entscheidung wurde vorher getroffen, du musst sie nicht während der Praxis treffen. Später brauchst du vielleicht keinen Timer mehr. Der Körper findet sein eigenes Ende, eine natürliche Abrundung, ein organisches Zur-Ruhe-Kommen.

Variationen

Mit geschlossenen Augen: Der visuelle Sinn dominiert die Propriozeption. Schließ die Augen, und der Körper rückt ins Zentrum der Aufmerksamkeit. Du spürst Gleichgewichtsverlagerungen früher, feiner, präziser. Die Bewegung wird langsamer, vorsichtiger, nach innen gerichtet.

Im Gehen: Freies Üben muss nicht stationär sein. Geh durch den Raum, lass die Bewegung sich mit dem Gehen verweben. Die Arme finden ihren Rhythmus zum Schritt, der Rumpf spiralt, das Gewicht verlagert sich mit jedem Aufsetzen. Flanieren als Taijiquan.

Am Boden: Wer sagt, dass Taijiquan im Stehen stattfinden muss? Setz dich, leg dich hin, roll, kriech. Die Prinzipien gelten auch horizontal – Ganzkörperbewegung, Kontinuität, Song. Der Boden gibt andere Informationen als die Schwerkraft im Stehen. Neue Bewegungsräume öffnen sich.

Mit Partner: Freies Üben zu zweit, ohne die Struktur von Push Hands. Zwei Körper im Raum, die aufeinander reagieren, ohne Angriff und Verteidigung, ohne Technik und Anwendung. Reiner Dialog, Impuls und Antwort, Resonanz zwischen zwei Systemen.

Was passiert

Anfangs passiert meist zu viel. Der Körper, befreit von der Struktur, überkompensiert – wilde Bewegungen, große Gesten, theatralische Ausschläge. Das ist normal. Die angestaute Expressivität entlädt sich.

Dann kommt eine Phase der Ratlosigkeit. Die Impulse versiegen, du stehst herum, weißt nicht weiter, fühlst dich lächerlich. Auch das ist normal. Warte. Der nächste Impuls kommt – er kommt immer.

Später wird die Bewegung kleiner, subtiler, nach innen gerichtet. Die großen Gesten verschwinden, mikroskopische Verschiebungen bleiben. Manchmal bewegst du dich kaum sichtbar – und doch ist alles in Bewegung, das ganze System vibriert, pulsiert, atmet.

Rückkehr zur Form

Freies Üben ersetzt die Form nicht. Es ergänzt sie, befruchtet sie, hält sie lebendig. Nach einer Phase des freien Übens kehrt man zur Form zurück – und findet sie verändert vor. Die Figuren haben neue Tiefe gewonnen, neue Verbindungen, neue Möglichkeiten. Was vorher Routine war, wird wieder frisch.

Die Form strukturiert, das freie Üben befreit. Beide brauchen einander. Struktur ohne Freiheit erstarrt, Freiheit ohne Struktur zerfließt. Der Wechsel zwischen beiden hält die Praxis lebendig – pulsierend zwischen Verdichtung und Auflösung, zwischen Ordnung und Chaos, zwischen Wissen und Nicht-Wissen.

Zuletzt

Freies Üben ist die radikalste Form des Geschehenlassens. Du gibst die Kontrolle ab, trittst zurück, lässt den Körper tun, was er tun will. Das Ich, das normalerweise dirigiert, beobachtet nur noch – und irgendwann verschwindet auch der Beobachter.

Was dann bleibt: Bewegung, die sich selbst bewegt. Niemand, der übt. Nur Üben.