Grundlagen des Taijiquan

Die Dreizehn Grundbewegungen des Taijiquan

Shi San Shi – Der alte Name

Bevor Taijiquan Taijiquan hieß, hieß es Shi San Shi – die Dreizehn Bewegungen. Nicht dreizehn Figuren einer Choreografie, sondern dreizehn fundamentale Kräfte, aus denen sich alle Formen zusammensetzen. Acht Handtechniken und fünf Schritte, das Alphabet einer Bewegungssprache, die sich zu unendlichen Sätzen kombinieren lässt.

Die Zahl Dreizehn ist kein Zufall. Acht plus fünf – die acht Trigramme des Yijing und die fünf Wandlungsphasen der chinesischen Naturphilosophie. Kosmologie, eingeschrieben in den Körper. Wer die dreizehn Bewegungen versteht, versteht das Prinzip; wer das Prinzip versteht, braucht keine hundert Figuren zu memorieren.

Die Acht Tore (八門 Bā Mén)

Acht Arten, Kraft durch die Arme zu leiten. Die ersten vier bilden das Fundament, die Himmelsrichtungen des Kampfes. Die zweiten vier ergänzen, variieren, erweitern das Spektrum.

Die vier Hauptkräfte (四正 Sì Zhèng)

Péng (掤) – Abwehren

Eine Kugel, die von innen nach außen drückt. Elastische Expansion in alle Richtungen gleichzeitig. Péng ist nicht Blocken, nicht Stoßen – eher ein Aufblähen, das eindringende Kraft sanft zurückweist. Wie ein prall gefüllter Ballon, der Druck absorbiert und zurückgibt.

Péng ist die Grundenergie des Taijiquan. Sie durchzieht alle anderen Bewegungen, gibt ihnen Struktur. Ohne Péng kollabiert der Körper beim ersten Kontakt. Mit Péng bleibt er federnd, responsiv, uneinnehmbar.

Lǚ (捋) – Zurückrollen

Jemand drückt, du weichst – aber nicht nur zurück. Du leitest die Kraft zur Seite, führst sie ins Leere, lässt den Angreifer ins Stolpern kommen. Lǚ ist die Kunst des Nachgebens, das stärker macht. Wasser, das um den Felsen fließt, statt gegen ihn zu prallen.

Die Bewegung ist spiralförmig, nicht linear. Du ziehst nicht einfach den Arm zurück, du rollst die ankommende Kraft auf wie einen Faden, der sich um eine Spule wickelt. Am Ende der Spirale ist der Angreifer verdreht, aus dem Gleichgewicht, offen.

Jǐ (擠) – Pressen

Kompression nach vorne. Beide Hände arbeiten zusammen, eine drückt gegen die andere, der Körper dahinter liefert die Masse. Wie Wasser durch einen Schlauch gepresst – konzentriert, gerichtet, durchdringend.

Jǐ folgt oft auf Lǚ. Erst nachgeben, dann pressen. Der Angreifer, der ins Leere fiel, trifft auf eine Wand, die ihn zurückwirft. Der Wechsel von Yin zu Yang, ausgeführt in einem Atemzug.

Àn (按) – Drücken

Abwärts und auswärts, wie eine Welle, die sich am Strand bricht. Àn nutzt das Körpergewicht, lässt es sinken, überträgt es durch die Handflächen. Keine Muskelkraft, nur Schwerkraft, gelenkt durch Intention.

Àn schließt den Zyklus der vier Hauptkräfte. Péng – Lǚ – Jǐ – Àn, immer wieder, in der Form wie im Push Hands. Eine Sequenz, die atmet: ausdehnen, nachgeben, pressen, sinken.

Die vier Nebenkräfte (四隅 Sì Yú)

Cǎi (採) – Pflücken

Eine Frucht vom Baum reißen, mit kurzem, scharfem Zug. Cǎi greift und zieht abwärts, bringt den Gegner aus der Balance, öffnet ihn für den nächsten Angriff. Der Griff sitzt am Handgelenk, am Ellenbogen, am Kragen – überall, wo Hebelwirkung ansetzt.

Liè (挒) – Spalten

Zwei Kräfte, die in entgegengesetzte Richtungen gehen. Eine Hand zieht, die andere drückt – der Gegner dazwischen wird aufgefächert wie ein Buch, das man öffnet. Liè nutzt Winkel, nutzt Rotation, nutzt die Struktur des anderen gegen ihn selbst.

Zhǒu (肘) – Ellenbogen

Wenn die Distanz zu kurz wird für die Hände, kommt der Ellenbogen. Hart, knochig, verheerend auf kurze Entfernung. Zhǒu schlägt nicht nur – er hebelt, drückt, bohrt sich in Lücken der gegnerischen Deckung.

Kào (靠) – Schulterstoß

Noch näher, noch intimer. Der ganze Körper wird zur Waffe, Schulter und Hüfte treffen mit vereinter Masse. Kào kommt, wenn alles andere versagt, wenn der Gegner zu nah ist für alles außer Körperkontakt. Die letzte Tür, bevor der Kampf zum Ringen wird.

Die Fünf Schritte (五步 Wǔ Bù)

Acht Handtechniken brauchen Füße, die sie tragen. Die fünf Schritte organisieren den Raum, schaffen Positionen, ermöglichen Winkel. Ohne Schritte sind die Hände blind.

Jìn Bù (進步) – Vorwärtsschritt

Metall-Element, Himmel und See. Vordringen, Raum nehmen, Initiative ergreifen. Der vordere Fuß setzt mit der Ferse auf, rollt ab, das Gewicht folgt – aber nie weiter als zur Mitte des Fußes. Wer zu weit nach vorne kippt, verliert die Verwurzelung.

Tuì Bù (退步) – Rückwärtsschritt

Holz-Element, Donner und Wind. Zurückweichen, aber nicht fliehen. Die Zehen setzen zuerst auf, der Körper folgt kontrolliert. Ein altes Sprichwort sagt: „Vordringen heißt leben, zurückweichen heißt sterben.“ Gemeint ist: Nie blind zurück, immer mit Absicht, immer bereit zum Gegenstoß.

Zuǒ Gù (左顧) – Nach links blicken

Wasser-Element. Seitwärtsbewegung, Ausweichen auf die linke Flanke. Der Blick führt, der Körper folgt. Gù bedeutet auch „sich kümmern um“ – die linke Seite im Auge behalten, schützen, von dort aus agieren.

Yòu Pàn (右盼) – Nach rechts schauen

Feuer-Element. Spiegelbildlich zur linken Seite. Pàn bedeutet „erwarten“, „Ausschau halten“ – die rechte Seite antizipieren, Angriffe von dort vorhersehen, den Raum kontrollieren.

Zhōng Dìng (中定) – Zentrales Gleichgewicht

Erde-Element, die Mitte, um die sich alles dreht. Nicht Stillstand, sondern dynamische Stabilität. Von hier gehen alle Bewegungen aus, hierhin kehren sie zurück. Zhōng Dìng ist keine Position, sondern ein Zustand – zentriert, verwurzelt, bereit für alles.

Das Zusammenspiel

Die dreizehn Bewegungen existieren nicht isoliert. Sie fließen ineinander, kombinieren sich, antworten aufeinander. Péng mit Jìn Bù – vorwärts expandieren. Lǚ mit Tuì Bù – zurückweichen und umleiten. Liè mit Zuǒ Gù oder Yòu Pàn – seitwärts spalten. Àn mit Zhōng Dìng – aus der Mitte sinken.

Die langen Formen – ob 24 oder 108 Figuren – sind Variationen über dieses Thema. Jede Figur besteht aus Kombinationen der dreizehn Grundbewegungen, aneinandergereiht, ineinander verwoben. Wer die Dreizehn versteht, sieht sie überall: in der Form, im Push Hands, im freien Üben.

Für die Praxis

Beginne mit den vier Hauptkräften. Péng – Lǚ – Jǐ – Àn, die Grundsequenz, die in jeder Yang-Form vorkommt. Spüre den Unterschied: die Expansion von Péng, das Nachgeben von Lǚ, die Kompression von Jǐ, das Sinken von Àn. Vier Qualitäten, vier Richtungen, ein Kreislauf.

Dann die Schritte. Vorwärts, rückwärts, links, rechts, Mitte. Nicht als mechanische Übung, sondern als Raumgefühl. Wo bin ich? Wo könnte ich sein? Welche Möglichkeiten öffnen sich, wenn ich den Winkel ändere?

Die Nebenkräfte kommen später. Cǎi, Liè, Zhǒu, Kào – für kurze Distanz, für Notfälle, für fortgeschrittene Situationen. Sie brauchen die Grundlage der ersten vier, sonst bleiben sie leer.

Irgendwann hörst du auf zu zählen. Die dreizehn Bewegungen werden zu einer, die sich endlos differenziert. Die Unterscheidungen verschwinden, die Qualitäten bleiben. Du bewegst dich – und alle dreizehn sind da, in jedem Moment, bereit, sich zu manifestieren.

Das war immer der Sinn von Shi San Shi. Kein System zum Memorieren, sondern ein Alphabet zum Sprechen. Die Sprache lernt man nicht durch Aufsagen der Buchstaben, sondern durch Reden. Die dreizehn Bewegungen lernt man nicht durch Aufzählen, sondern durch Bewegen.